Big Data und die Kunst des Geschichtenerzählens

Veröffentlicht von The Huffington Post


Mitte Juli 2014 geht in München die 17. Deutsche Gedächtnismeisterschaft über die Bühne. Vor zwei Jahren gewann Johannes Mallow, indem er sich innerhalb von fünf Minuten 443 Ziffern in der richtigen Reihenfolge merken konnte und sich bei der Aufgabe "Spielkartenmarathon" 650 Karten perfekt einprägte. Das sind Rekorde, die jeden Außenstehenden, der Probleme hat, sich die Telefonnummer des Privathandys zu merken, an der eigenen Erinnerungsfähigkeit zweifeln lässt.

 

Mallow: ein Genie, ein Nerd, ein Savant? Nichts von dem. Johannes Mallow ist jemand, der sein Gehirn täglich trainiert - und die hohe Kunst des Geschichtenerzählens beherrscht.

 

Jeder Gedächtniskünstler wird bestätigen, dass er zum Merken etwa von Ziffernfolgen mit Bildern arbeitet, die er mit diesen Folgen verknüpft. Die Bilder aneinandergereiht ergeben eine Geschichte, mit der das Gehirn wesentlich besser umgehen kann als mit der Aneinanderreihung von abstrakten Zahlen. Mit dieser Methode ist es Mallow und anderen Gedächtnisartisten möglich, wesentlich mehr als jene viel besungenen zehn Prozent seines Gehirns zu nutzen, die Untrainierten angeblich zur Verfügung stehen.

 

Unternehmen geht es da nicht viel anders. Zum einen steigt der Datenbestand in der Geschäftswelt ins Unermessliche, wobei die einen von der sogenannten Datenflut erschlagen werden, die anderen ihr Heil bewusst im Jagen und Sammeln sehen - sprich die Zahlenkolonnen werden von Tag zu Tag länger, ob freiwillig oder nicht. Zum anderen fehlt es vielen Unternehmen an der Fähigkeit, die Daten in brauchbare Informationen zu verwandeln. Wie beim Einprägen von Ziffernfolgen gilt es auch hier, "Daten in Erzählungen zu übersetzen", wie der Big Data-Spezialist DJ Patil auf der letztjährigen DLD-Konferenz sagte. Mit anderen Worten: Gelingt es nicht, die abstrakten Daten in Geschichten zu verwandeln, bleibt ein Teil des geschäftlichen Datenbestandes einfach ungenutzt.

 

Die Methode des sogenannten Storytelling hat viele Bereiche des Lebens erreicht, wie etwa Psychotherapie oder Journalismus. Auch Unternehmen nutzen sie in der internen und externen Kommunikation, weil Geschichten eine Vielzahl an Aufgaben erfüllen können: Sie dienen der Problemlösung, leiten Denkprozesse ein, geben Wissen weiter, regen Verhaltensänderungen an, motivieren, unterhalten und vieles mehr.

 

Big Data Analytics können genau das erreichen. Sie lassen aus lose zusammenhängenden Daten Bilder entstehen, mit deren Hilfe etwa die Kommunikation zwischen Kunden und Unternehmen viel leichter von der Hand geht. Via Analogien kann der Laie ein technisches Problem beschreiben, das der Call-Center-Mitarbeiter, ebenfalls kein Experte, so in das System einpflegt, dass der Techniker eine klare Vorstellung von dem Problem gewinnt und sich entsprechend auf den Kundenbesuch vorbereitet.

 

Big Data-Tools können dem Sachbearbeiter eines Versicherungsunternehmens die Geschichte eines Unfalls erzählen, indem sie vollkommen automatisiert etwa E-Mails aus der Hand des Geschädigten analysiert und daraus alle relevanten Informationen extrahiert. Dabei ist es egal, ob der Autor der E-Mails ein kundiger Geschichtenerzähler ist oder nicht - die semantischen, selbstlernenden Werkzeuge der Big Data-Lösung wie etwa InSpire von Mindbreeze werden auch mit sprachlichen und intellektuellen Härtefällen fertig.

 

Auch der Human Ressource-Manager eines renommierten Unternehmens kann leichter über Bewerbungen entscheiden, wenn das Big Data-System aus Hunderten Unterlagen die Lebensgeschichten jener Personen erzählt, die für den ausgeschriebenen Posten auf Basis des Anforderungsprofils am besten passen.

 

Wie es sich für einen guten Erzähler gehört, kann Big Data seine Geschichten aus einer Vielzahl an Quellen zusammenstellen: E-Mails, Telefongesprächen, Notizen, Facebook-Einträgen, Fotos und auch Videos. Die Systeme sind bereits derart intelligent, dass die relevanten Daten über das gesamte Unternehmen und auch über die Firmengrenzen hinweg verstreut sein können. Ob die Daten strukturiert oder unstrukturiert, sprachlich exakt oder ungenau und in welchem Format auch immer vorliegen ist dabei egal - entscheidend ist, dass am Ende des Tages eine gute Geschichte herauskommt.